Tandas, Tanzstil und die Piste

Interview mit Jochen Rummel 'El chiquito'



Oliver: Jochen, du hast auch schon in Buenos Aires aufgelegt. Wo genau?

Jochen: Im 'La Nacional' und im 'Sotano'. Damals habe ich das allererste Mal in Buenos Aires mit einem Laptop aufgelegt. Das hat sie begeistert und fasziniert!

Oliver: Wie war das so, in Buenos Aires aufzulegen?

Jochen: Ich bin 2004 mit dem, was ich hier in Deutschland auflege nach Buenos Aires gegangen und habe dann u.a. 'Carnavalito' (von Demare) gespielt, welches hier in Deutschland als Milonga aufgelegt wird. In Buenos Aires gilt das allerdings als Folklore-Stück, was es ursprünglich ist. Also, sie dachten es handelt sich um eine Cortina und dann sind alle von der Fläche marschiert. Das war natürlich eine unangenehme Situation.

Oliver: Was passiert, wenn man eine Tanda* mischt?

Jochen: Das würde gehen, wenn der Stil gleich bleibt. Hier hört man häufig solche Sprünge von den 50ern in die 30er und wieder zurück. Das würde in Buenos Aires so nicht funktionieren.

Oliver: Man muss also ein Gespür dafür haben wie man eine Tanda arrangiert und darf nicht denken, dass es schon in Ordnung ist, solange man beim gleichen Orchester bleibt?

Jochen: Ja richtig! Meine Philosophie als DJ ist, den Tänzern den Stress abzunehmen sich immer wieder auf neue Musik einstellen zu müssen, d.h. wenn sie das erste Stück der Tanda verinnerlicht haben, können sie sich darauf verlassen, dass sie die folgenden drei Stücke im gleichen Stil weitertanzen können.

Oliver: Wie wichtig schätzt du das Tanzen in Bahnen ein?

Jochen: Das ist sehr wichtig. Wenn du dir die Milonga 'Niño Bien' anguckst, wenn es rappelvoll ist, dann wird da mitunter in drei Reihen getanzt und jeder respektiert die andere Reihe. Dadurch kann überhaupt erst ein Tanzfluss entstehen. An vielen Orten in Europa wird oft kreuz und quer getanzt und der Tanzfluss wird immer wieder unterbrochen oder entsteht erst gar nicht.

Oliver: Sollten die fortgeschrittenen Tänzer und Tänzerinnen auch ihre Vorbildfunktion wahrnehmen?

Jochen: Selbstverständlich! Ich denke, wenn ein erfahrenes Tanzpaar oder Lehrerpaar quer über die Tanzfläche tanzt und ständig vier Quadratmeter für sich beansprucht, dann versuchen die Schüler bzw. Anfänger das natürlich nachzumachen.

Oliver: Viele Schüler wollen ja lieber nur die Schritte lernen. Inwiefern sollte im Unterricht auf Musik eingegangen werden?

Jochen: Man muss beides abdecken. Mit Musikübungen kann man zeigen, welche Möglichkeiten diese alten Stücke überhaupt bieten. Man hat immer mehrere Möglichkeiten - tanze ich etwa die Gesangslinie oder das Bandoneon oder das Piano. Es ist wichtig, dass man das auch unterrichtet. Der Tango ist keine einfache Musik, und ich glaube das ist auch der Grund warum die Leute so auf Electro-Tangos abfahren - weil die rhythmisch häufig sehr einfach gestrickt sind.

Oliver: Du bist ein DJ der 'Epoca de oro' (ca. 1935-45)...

Jochen: ...das ist die Zeit, in der die Orchester die schönsten Interpretationen der Tangos gespielt haben und wo die Form dieser Musik am reichhaltigsten war. Leider gibt es heute keine Orchester die im Stil von Tanturi, Biagi oder Donato spielen.

Oliver: Welche Vorbilder hast du denn als DJ?

Jochen: Sergio Molini war der erste der mir aufgezeigt hat, was Musik beim Tänzer bewirken kann. Er hat den Stein ins Rollen gebracht. Später in Buenos Aires kam Mario Orlando hinzu. Ich habe stundenlang auf der Milonga gesessen wo er gerade aufgelegt hat und habe zugehört, was er macht, habe oft nachgefragt und auch CDs von ihm bekommen. Es ist sicherlich von beiden ein großer Teil ihrer Philosophie in meine Arbeit eingeflossen. Darauf aufbauend habe ich meinen eigenen Stil entwickelt.

Oliver: Und dein Spitzname 'El chiquito'? Wo kommt der her?

Jochen: Den hat mir Pablo Banchero mal verpasst. Dann haben mich irgendwann alle Milongueros so genannt. Ich bin ja nicht gerade der Kleinste in Buenos Aires!
'El chiquito' - 'Der Kleine'

Das Interview wurde am 24.10.2009 von Oliver Konen geführt.

*Tanda - ist eine musikalische Einheit auf der Milonga (Tanzveranstaltung). Die Tanda umfasst zumeist 4 Stücke vom gleichen Orchester und im gleichen Genre, d.h. Tango (gesungen o. instrumental), Vals oder Milonga. Dazwischen wird die 'Cortina' (wörtlich 'Vorhang') gespielt, welche die Tandas trennt. Sie muss deutlich zu unterscheiden sein. So nimmt man etwa ein Jazz- oder Pop-Stück.



DJ Jochen legt regelmäßig in der 'Kantine 5' in Bremen auf.

siehe www.kantine5.de